Schreibwerkstatt 1

Schreibwerkstatt 1. Neun Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, zwei Logopäden, ein Autor haben gemeinsam ein Buch geschrieben (2009)

 

Vorwort zum Buch „Die Geschichte(n) von Logo und Pädie“
aus dem gemeinnützigen Projekt Schreibwerkstatt für Kinder mit LRS
Logopädie Fischer – Wittenburg und Werner Höring

Es ist vollbracht, ein spannendes Projekt ist beendet. Und Sie halten das Resultat in Ihren Händen.
Was hatten wir vor, haben wir erreicht was wir wollten? Natürlich ja. Natürlich nicht.
Hm, was denn nun? Na gut, der Reihe nach also.

Wir wollten mit Kindern, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben, ein Buch schreiben. Zusammen mit Werner Höring, der einschlägige Erfahrungen mit einbrachte („Die Abenteuer von Susi Schnatter und Johannes Jeep“ 1 und 2), als Projektleiter.

Lediglich diese Vorgaben galten für das Projekt als verbindlich:
– die Kinder sind die Hauptverantwortlichen bei der Entwicklung der Story
– Schreibfehler der Kinder werden nie korrigiert, nie kritisiert, nicht mal erwähnt

– die Kinder sollen einen Freiraum haben, in dem sie jenseits von Schule, häuslichem Lernen,
Nachhilfe oder Logopädie alleine mit ihren Stärken, mit ihrer Kreativität wahrgenommen werden – ein unsichtbares Schild hängt in unserem Raum: Eltern müssen draußen bleiben!
– alles, was geschieht, soll in der Verantwortung der Kinder liegen (behutsam gelenkt von Claudia,
Uwe und Werner). Wenn also zu Hause berichtet wird, dann nur weil die Kinder es wünschen.

– Kritik oder Anregungen durch die Eltern: nein!

In vielen Situationen werden Kinder, die Schwierigkeiten mit dem Erwerb der Schriftsprache haben, mit diesen Defiziten konfrontiert. Irgendwann stellt sich Frust ein, hochgesteckte Erwartungen der Eltern (manchmal auch die eigenen) werden nicht erfüllt. Andere sind besser, ich bin nicht gut genug („Warum hat denn der/die….immer eine 2 und du ständig eine 4 oder 5?“).
Kleine und große Dramen in der Schule, Fortsetzung zu Hause folgt. Das Selbstwertgefühl leidet, die Spirale des Versagens dreht sich immer schneller. Selbst bei Grundschulkindern können schon Zukunftsängste beobachtet werden. Was in unserer Gesellschaft zählt, ist nur die Leistung, die sich am Ende auch rechnet. Viel zu selten das, was darüber hinaus in einem Menschen steckt.

In der Schreibwerkstatt sollte die Beschäftigung mit diesem ungeliebten Thema wieder Freude bereiten, ohne Druck, frei von Erwartungshaltung. Schreiben macht Spaß, Lesen auch! Wir können mehr, als unsere Umwelt sieht! Wir können sogar ein Buch schreiben, obwohl andere uns das nie zutrauen würden!

Dass wir das Ergebnis offen halten mussten, war uns klar. Und doch kommt es immer anders als man denkt. Jetzt würde ich sagen, dass die Entdeckung des Abenteuers Schriftsprache für einige Kinder schon gelungen ist. Kind A.hat gleich zu Beginn des Projekts erstmals ein Buch gelesen, Kind B hat mutig der Oma kleine Zettel geschrieben statt diese immer zu rufen. Kind C. hat eine kleine Geschichten geschrieben und in der Klasse vorgelesen, Kind D ebenfalls. Andere trauten sich, mutig über ihre Schreibfehler zu reden
So viele Ideen steckten in den Köpfen, und nun gab es ein weiteres Ventil dafür. Wir waren überrascht, dass diese Ergebnisse so früh schon eintraten.

Doch etwas ganz anderes faszinierte uns immer mehr: die Dynamik dieses bunt zusammen gewürfelten Häufchens Kinder. Jungen und Mädchen, zwischen 6 und 11 Jahre alt. Ruhig oder ständig unter Strom stehend. Schweigsam oder pausenlos quasselnd. Mutig oder ängstlich. Sensibel oder gefestigt. Relativ sicher schreibend oder kaum lesbar. Tolerant oder verurteilend. Nehmend oder gebend.

Ja, es kamen viele unterschiedliche Aspekte von denkbar unterschiedlichen Kindern zusammen.
Und die sollten nun 1x wöchentlich, 20 Mal für 90 Minuten in einem Raum sitzen und zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen!

An manchen Tagen war es wie in einem Pulverfass. Ein falscher Blick, ein unbedachtes Wort…..und wir hatten unsere liebe Mühe, alles wieder zu beruhigen.

Doch bald schon trat das Schreiben selbst in den Hintergrund und wir befanden uns in etwas Ähnlichem wie einem „psycho-sozialen Projekt“, die Dinge nahmen ihren eigenen Lauf. Viele Konflikte traten innerhalb der Gruppe auf und wurden meist sehr souverän gelöst. Die Figuren der Geschichte halfen dabei, über den Umweg Logo, Pädie & Co fanden „unsere“ Kinder ihren eigenen Lösungsweg.  Beeindruckt hat vor allem der Mut, über die größten Ängste zu sprechen, die Anregung kam von den Kindern selbst.

Die Ideen der Kinder finden sich in der Geschichte von Logo und Pädie wieder. Entweder wurden die schriftlichen Anregungen aufgenommen und in die vorliegende Form gebracht (z.B. „Der Hund im Koffer“ oder das Weltraumabenteuer) oder es waren die verbalen Anregungen.

Auch wir Erwachsene haben gelernt, über die Kinder, von den Kindern und über uns selbst.
Aber das ist eine andere Geschichte, vielleicht „Die Geschichte von den Logos und dem Schriftsteller“.

Uwe Fischer und Claudia Wittenburg

 Ein besonderer Dank gilt

Claus Decker, AXA Euskirchen und Bad Münstereifel

 und der

AXA Krankenversicherung Köln

für die spontane Zusage, dieses Projekt finanziell zu unterstützen. Durch diese Hilfe konnte den beteiligten Kindern das Buch in der nun vorliegenden Form präsentiert werden. Wir sind sicher, dass dies einen weiteren Motivationsschub bedeutet.


Leseprobe:

So fing alles an mit ihm

Er mochte keine Mädchen, absolut nicht! In seinen Augen waren sie zickig, launenhaft und unberechenbar. Wenn  er sie ärgerte, bissen sie sich mit den Zähnen in seinem Unterarm fest, anstatt sich „vernünftig“ zu wehren.
Oder sie zerkratzten ihm mit ihren langen Fingernägeln das Gesicht, so dass er den anderen Jungs erzählen musste, dass seine Katze wieder mal einen schlechten Tag gehabt hätte.

Mädchen waren für ihn Außerirdische und einfach überflüssig! Irgendwann hatte die Lehrerin Zettel verteilt, auf den Zetteln sollten die Schüler ihren Lieblingswunsch notieren. Er brauchte nicht lange zu überlegen, ohne zu zögern schrieb er: Alle Mädchen weg!

Irgendwann hatten seine Eltern ihn ins Wohnzimmer gerufen. „Eric, kommst du mal zu uns?“ hatte seine Mutter gerufen. Eric schluffte mit Unbehagen ins Wohnzimmer. Wie immer hatte er seine Hände bis zur Mitte seiner Unterarme in den endlos tiefen Hosentaschen vergraben. Auf dem Weg ins Wohnzimmer überlegte er krampfhaft, was er wohl angestellt haben könnte. Sein Gewissen war nur selten ganz rein. Dann stand er vor seinen Eltern. Zu seinem Erstaunen tranken sie Sekt aus hohen, schlanken Gläsern.

„Setzt dich“, sagte sein Vater. Er sagte es in einem süßen und milden Ton. Eine Strafpredigt brauchte er auf keinen Fall zu befürchten. „Papa ist befördert worden! Er wird bald eine eigene Filiale leiten! Ist das nicht toll?“ sagte seine Mutter nachdem sie am Sektglas genippt hatte. „Echt toll, gratuliere“, sagte Eric, und sonst nichts. „Nun freu´ dich doch mal mit mir“, forderte ihn sein Vater auf. „Die Sache hat nur einen Haken, wir müssen demnächst umziehen, in einen anderen Ort.“

„Umziehen? Du meinst, wir müssen hier weg? Andere Bude, andere Schule? Und was ist mit meinen Freuden? Und dem Fußballverein? Na super!“ Eric war schlagartig schlecht gelaunt, trotzig drehte er sich um und
rannte in sein Zimmer. „Er wird sich schon wieder beruhigen“, hörte er seinen Vater noch sagen, dann knallte Eric seine Tür zu. Eric ließ sich auf seinen Drehstuhl fallen, der vor seinem Computer stand. Seine Arme verschränkte er vor seiner Brust, seine Beine warf er wütend auf den Schreibtisch. Dabei fegte er die Maus vom Tisch, die scheppernd auf den Boden fiel. Das machte ihn noch rasender. Er sprang wieder auf und zertrat die Maus mit seinen Schuhen. Das graue Plastikteil knirschte unter seinem Gewicht, dann zerbrach die Maus in mehrere Teile.
Schließlich bestand sie nur noch aus einer elektronischen Platine, die noch mit dem Computerkabel verbunden war. Irgendwo blinkte auf der Platine noch ein kleines rotes Lämpchen. Eric ließ sich wieder auf den Drehstuhl
fallen und drehte sich sooft mit dem Stuhl um die eigene Achse, bis ihm furchtbar schlecht wurde. Eric hatte sich nicht beruhigt.

Selbst als er mit seinen Eltern schon umgezogen war.